Baumfällaktionen: BUND-Kassel fordert mehr Transparenz

Anlässlich der geplanten Fällung von zahlreichen Bäumen in der Kasseler Heinrich-Heine-Straße fordert der BUND mehr Transparenz. Man habe in den letzten Jahren mehrfach versucht „frühzeitig über Maßnahmen der Stadt Kassel informiert zu werden, bei deren Umsetzung Bäume gefällt werden sollen. Das Ergebnis war enttäuschend. Die Anfragen nach zur Verfügung Stellung von Daten zu geeigneten Baumpflanzstandorten im Kasseler Stadtgebiet und über geplante Baumfällarbeiten wurden abgelehnt“, so der BUND in einem offenen Brief an den Magistrat und die Fraktionen im Stadtparlament. Insbesondere im Falle der Fällung der Bäume in der Heinrich-Heine-Straße habe es keine Beteiligung des BUND gegeben. Im Interesse einer „inhaltlichen Auseinandersetzung für einen verbesserten Baumschutz in Kassel“ legt der BUND deshalb folgende Forderungen vor:

  1. Frühzeitige, direkte und umfassende Information und Beteiligung der Naturschutzverbände über alle Verfahren mit Umweltrelevanz.
  2. Veröffentlichung aller Gutachten mit Umweltrelevanz auf der Internetseite der Stadt Kassel, insbesondere die Daten zu potentiellen Baumstandorten.
  3. Aufnahme der inhaltlichen Vorlagen für alle Sitzungen der Ortsbeiräte in das Bürgerinformationssystem der Stadt Kassel
  4. Rechtzeitige Veröffentlichung einer Aufstellung der Bäume, die gefällt werden sollen, mit Anzahl, Standort und Grund der Fällung.
  5. Naturschutzbeirat: Sitzungen öffentlich durchführen.

Kassel: Jährlich 600.000,- € für Radverkehr und 31 Millionen für PKW/LKW-Verkehr

Nach einer Studie des Kasseler Verkehrswissenschaftlers Prof. Carsten Sommer betragen die öffentlichen Investitionen in Kassel für die Verkehrsinfrastruktur und deren Abschreibung, Lichtsignalanlagen, Winterdienst, Entwässerung etc. knapp 71 Millionen Euro im Jahr. Diese verteilen sich mit 5 Millionen Euro auf den LKW-Verkehr, mit 26 Millionen Euro auf den PKW-Verkehr und mit 29 Millionen Euro auf den ÖPNV. Der Radverkehr wird dagegen mit lediglich insgesamt 600.000 Euro pro Jahr bezuschusst. Hinzu kommen externe Kosten für Unfälle, Lärm, Luftbelastung und Klimaschäden in Höhe von mehr als 73 Millionen Euro. Davon verursacht der LKW-Verkehr 9,5 Millionen Euro, der PKW-Verkehr 57,5 Millionen Euro und der ÖPNV 3,5 Millionen Euro. Rad- und Fußverkehr tragen allein mit Unfallkosten (Rad 2 Millionen Euro / Fußgänger 0,7 Millionen Euro) zu den externen Kosten bei, liefern aber durch ihre gesundheitlich präventive Wirkung einen Nutzen (negative Kosten) von knapp 13 Millionen Euro durch den Rad- und knapp 68 Millionen Euro durch den Fußverkehr.

Kasseler SPD driftet immer weiter nach rechts

Mit der Wahl von Volker Zeidler zum Vorsitzenden des Kasseler Stadtparlaments hat der rechte Parteiflügel auch die letzte herausgehobene Position innerhalb der Kasseler SPD übernommen. Zuvor hatte Patrick Hartmann – ebenfalls ein Exponent des rechten Flügels – den bisherigen Fraktionsvorsitzen Dr. Günther Schnell abgelöst. Auch Oberbürgermeister Christian Geselle und der SPD-Vorsitzende Wolfgang Decker gehören diesem Flügel an. Decker hält als Landtagsabgeordneter auch den einzigen der Kasseler SPD verbliebenen Parlamentssitz. Das Bundestagsmandat wird von Timon Gremmels aus dem Landkreis ausgefüllt. Das zweite Landtagsmandat verlor die SPD an die Grüne Vanessa Gronemann. Der Rechtsruck zeigt sich auch inhaltlich etwa in den Diskussionen um das documenta-Defizit, den Verbleib des document-Obelisken oder den Radentscheid. Die SPD und ihre Exponenten sind immer weniger in der Lage, das in Kassel sehr starke links-ökologische Bürgertum anzusprechen. Dies ist auch ablesbar in den Wahlergebnissen. Bei der letzten Kommunalwahl erreichte die SPD in ihrer einstigen Hochburg nur noch 29,5%, bei der Landtagswahl noch 21,4%. Zugleich wurde sie von den Grünen als stärkste politische Kraft abgelöst.

Zum 149. Geburtstag von Paul Heidelbach – Das unzerstörbare Kasseler Herz

Paul Heidelbach in mittleren Lebensjahren in seinem Arbeitszimmer. Foto Familienarchiv Heidelbach

Am 28. Februar jährt sich 149. Mal der Geburtstag des hessischen Kulturhistorikers Paul Heidelbach (* 28. Februar 1870 in Düsseldorf – † 13. Februar 1954 in Kassel). Dies wird zum Anlass genommen Leben, Werk und Wirken von Paul Heidelbach in Erinnerung zu rufen. Eine hervorragende Quelle bietet der Kasseler Journalist Friedrich Herbordt, der zum 80. Geburtstag von Heidelbach am 28. Februar 1950 eine prägnante und kundige Würdigung in den ‚Hessischen Nachrichten‘ veröffentlichte. Wir publizieren diesen Beitrag unverändert, in der alten Rechtsschreibung, unter Verwendung zeitgenössischer Fotografien und einer Zeichnung.
„Heute am 8. Februar sind alle alten Kasselaner in Gedanken bei Paul Heidelbach, dem Vater des geistigen Kassel, der an diesem Tag auf seinem Alterssitz in Grifte seinen 80 Geburtstag und zugleich mit seiner Frau Aenne, geb. Leonhardt, das Fest der Goldenen Hochzeit feiert.

Es wäre leichter darüber zu schreiben, wenn man mehr Distanz zu der Persönlichkeit des Jubilars hätte, und nicht so genau wüßte, wie entschieden er, der doch das Handwerk von Grund auf kennt, so etwas ablehnt. Außerdem belastet das Bewußtsein, daß seit seinem 50. Geburtstag alle fünf Jahre jeder Kasseler Publizist von Rang und Namen – es liegen uns viele Zeitungsausschnitte vor von Richard Weber, Will Scheller, Christian Burger, Bruno Jakob, Wilhelm Ide und vielen anderen – in nur geringen Variationen das Wesentliche über P.H. und seine Lebensarbeit geschrieben hat. Wir wollen dabei ein gewisse Tradition nicht unterbrechen, nach der aus einem der ersten Artikel das Schlußwort Richard Webers weiterhin zitiert wurde: „Paul Heidelbach, im Namen des hessischen Landes wissen wir Ihnen Dank!“

Paul Heidelbach und seine Frau Aenne, geb. Leonhardt, in ihrer Wohnung. Foto Familienarchiv Heidelbach

Wir haben Paul Heidelbach vor ein paar Tagen besicht und es schien, als habe die Zeit stillegestanden, als habe es keinen Krieg und keine Zerstörung Kassels gegeben. Es war fast genau so wie vor diesen wildbewegte letzten Jahrzehnten, als ich, ein zehnjähriger Junge, zum ersten Mal die bekannte Studierstube in der Hohenzollernstraße mit angesammeltem Respekt von bereits Gelesenem und vielem gehörten betrat und ein paar konzentrierte dunkle Augen, dichte Tabakswolken und unendliche Bücherreihen für immer im Gedächtnis behielt. Inmitten seiner kostbaren Bibliothek, die heute etwa 8000 Bände umfaßt, zwischen unzähligen Schriften, Broschüren, Zeitungsausschnitten, und vielen einmaligen Kasseler Erinnerungsstücken, und dem schönen alten Hausrat sitzt der Achtzigjährige, dem man keine 60 Jahre glauben würde, entzündet sich am Gespräch, sprüht und funkelt wie immer von Anekdoten und Daten, und wenn das Riesengedächtnis selten einmal zu suchen scheint, kommt mit unfehlbarer Präzision das Stichwort von seiner Frau und Lebensgefährtin.

Paul Heidelbach in jungen Jahren, möglicherweise während seiner Studentenzeit in Marburg. Foto Familienarchiv Heidelbach

Noch immer bestimmen die lebhaften dunklen Augen das Gesicht. Nur das Haar ist weiß geworden, aber von der Stirn steilt noch der trotzige und wiederborstige Wirbel wie in seiner kämpferischen Zeit. Wir sprechen von gemeinsamen Wanderungen, von Kasseler bibliophilen Raritäten und alten Originalen und das ganze gute alte Kassel wird lebendig. Es konnte nur äußerlich zerstört werden, Paul Heidelbach hat das Wesentliche, das Herz, gerettet und bewahrt. Doch ich fühle schon seinen mahnenden Blick: Genug der großen Worte.

Und nun noch die unvermeidlichen Daten: Paul Heidelbach entstammt einer alteingesessenen hessischen Familie, die gerade zu Zeit seiner Geburt nach Düsseldorf verschlagen wurde. Nach dem Tode seines Vaters kam er mit drei Jahren wieder nach Kassel zu einer Tante und sog sich hier mit allen Wurzeln der Heimaterde fest. Nach humanistischer Schulausbildung und dem Studium der Philologie, Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte in Berlin und Marburg kann er unter Verzicht auf alle akademischen Titel und auf eine feste Anstellung nach Kassel zurück.

Zeichnung von Paul Heidelbach als Soldat in Ersten Weltkrieg, Es war in Kassel stationiert und betreute (französiche) Kriegsgefangene in einem großen Lager nahe der Stadt.

Das bedeutete auch in den gesicherten Verhältnissen der damaligen Zeiteinen schweren Lebenskampf. Und darauf ist wohl bisher zu wenig hingewiesen, daß er es nicht leicht hatte, sich durchzusetzen. Schon als Student schrieb der die „Casseler Briefe“ für die „Deutsche Warte“. Von seinen ersten Veröfentlichungen, formvollendeten Gedichten, von denen er selbst zu Unrecht nicht gerne spricht, nahm die Öffentlichkeit weniger Notiz als von seinen heimatgeschichtlichen Aufsätzen, durch die er bald zu ruf und Ansehn im hessischen Schrifttum kam, und klassische Verdienste erwarb er sich um Wiedererweckung der Kasseler Mundart.

1900 erschien „Was mäh si hin und widder bassiert iss“. 1906 „Uff Karle Klamberts Gebortsdag“ und 1913 „Allerhand Gauden“ (alle bei Vietor). Für den bei Besser-Stuttgart erschienen Prachtband „Das deutsche Vaterland“ schrieb Paul Heidelbach den Abschnitt „Hessen-Nassau und Waldeck“. 1906 übernahm er als Nachfolger Benneckes die Schriftleitung der Halbmonatsschrift „Hessenland“, die er mit einer Unterbrechung bis 1933 redigierte und 1908 als Nachfolger des bekannten Romanschriftstellers Franz Treller die Sonntagsbetrachtungen in der „Hessischen Post“, die er 15 Jahre lang schrieb. 1909 erschien bei Klinkhardt und Biermann in Leipzig die von vielen als bedeutendste seiner Werke angesehene „Geschichte der Wilhelmshöhe“ und 1913 bei Elwert (Marburg) das Buch „Deutsche Dichter und Künstler in Escheberg“. Später fand dann auch ein Gedichtband „Im Schatten des Herkules“ weite Verbreitung.

Paul Heidelbach verbrachte seinen Ruhestand in Grifte bei Kassel. Foto Familienarchiv Heidelbach

Ein besonderes Kapitel müßte dem Kämpfer Paul Heidelbach gewidmet werden. Vor uns liegen seine Streitschriften um die Niederlegung der Alten Mühle, die seine warnende Stimme nicht retten konnte, um die Verunstaltung des Opernplatzes, die er nicht verhindern konnte, und um die Erhaltung des Schlosses Wilhelmsthal, die seinem Eingreifen zu verdanken ist.

1919 ehrte die Stadt Kassel den verdienstvollen Künder ihrer Schönheiten und en mutigen Streiter, indem sie ihn in die Murhard-Bibliothek berief und ihm die Verwaltung des Kasseler Archivs übertrug. In dieser Stellung verwertete Paul Heidelbach seine reichen Kenntnisse und Erfahrungen bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1935. Von den letzten Arbeiten ist vor allem eine Grammatik der Kassler Mundart nach Aufzeichnungen des alten Kasseler Sprachlehrers Grassow zu erwähnen, die zur Zeit bei Bernecker (Melsungen) im Druck liegt und deren lang verzögerte Korrektur er gern noch selbst lesen möchte. Auch heute noch ist der Unermüdliche mit neuen Plänen und Manuskripten beschäftigt.

Paul Heidelbach pflegte gute Kontakte zu vielen seiner Zeitgenossen in Kassel und weit darüber hinaus. Darüber geben zahlreiche Briefe im Familienarchiv Auskunft, hier ein Brief von Philipp Scheidemann vom 10.Januar 1921, mit Schreibmaschine geschrieben und daher leicht zu lesen. Quelle Familienarchiv Heidelbach.

Unsere Grüße und Glückwünsche schließen wir einer der vielen Zuschriften an die Redaktion an, die wir im Wortlaut veröffentlichen: ‚die alten Kasselaner und alten Bekannten wünschen ihm alles Gute und sind so egoistisch, ihm noch viele Jahre der Arbeit zu wünschen.’“
Friedrich Herbordt

Paul Heidelbach verbrachte seinen Ruhestand in Grifte bei Kassel. Foto Familienarchiv Heidelbach
Originalveröffentlichung in das Marburger.deOnline-Magazin(Lizensiert durch Sternbald Intermedia)

Rechtswidrige Wassergebühren: Beschwerde der Stadt Kassel überzeugt Verwaltungsgerichtshof nicht

Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat es auf die Beschwerde der Kassel abgelehnt, die Revision gegen sein Urteil zuzulassen. Das Gericht hatte im Dezember für Recht erkannt, dass die Wassergebühren der Stadt Kassel rechtswidrig sind. Zugleich hatte es die Revision gegen das Urteil nicht zugelassen. Dagegen hat die Stadt Beschwerde erhoben und die Zulassung der Revision verlangt. Der Beschwerde half das oberste hessische Verwaltungsgericht mit Beschluss nicht ab und hat die Akten an das Bundesverwaltungsgericht übersandt. Dort wird jetzt über die Zulassung der Beschwerde entschieden. In dem Rechtsstreit geht es um die Auslegung des hessischen Kommunalabgabengesetzes über die der Hessische Verwaltungsgerichtshof abschließend entscheidet. Das Bundesverwaltungsgericht ist an diese Auslegung gebunden. Die Beschwerde der Stadt greift in ihrer Begründung deshalb auch nicht diese Auslegung an. Sie rügt lediglich, dass sie nicht ausreichend rechtlich gehört worden ist sowie eine Verletzung der ihr vom Grundgesetz eingeräumten Selbstverwaltungsgarantie.

Caricatura: Fernandez – gegen den Strich

Cartoon: Miguel Fernandez/Caricatura

Vom 2. März bis 12. Mai 2019 zeigt die Caricatura Galerie in Kassel eine Ausstellung von Miguel Fernandez. Seine Cartoons sprechen vor allem eine der menschlichen Ur-Emotionen an: Schadenfreude. Wenn es um kleine fiese Unglücke gehe, die Menschen zustoßen können, sei er am einfallsreichsten, sagt der 44-Jährige. Fernandez wurde 1974 in Stadthagen bei Hannover geboren, schlug erst eine wirtschaftliche Laufbahn ein, bevor er Kommunikationsdesign studierte. Seit 2005 arbeitet er als Illustrator und Cartoonist. Unter anderem ist er Autor und Zeichner der Serie »Gegen den Strich«, die seit 2006 in Zeitschriften und Magazinen im In- und Ausland veröffentlicht wird. Zudem hat er einige Cartoonbücher im Lappan Verlag veröffentlicht. Empfohlen wurde er dem Verlag von keinem Geringeren als Martin Perscheid, der den Link zu Fernandez‘ Website www.gegen-den-strich.com, auf der regelmäßig neue Cartoons erscheinen, an Lappan weitergab.
Do, 14.3., 11.4., 9.5.2019, 18 Uhr
Cartoons After Work – Führung durch die Ausstellung »Fernandez – Gegen den Strich«


Kassel: Kein Industriegebiet am Langen Feld

Der Protest der Bürger hatte Erfolg. Die Stadt Kassel gibt ihre Pläne auf, Teile des Gewerbegebietes Langes Feld als Industriegebiet auszuweisen. Die Umwidmung sollte wegen Erweiterungsplänen eines Unternehmens erfolgen. „Der Investor stehe zu seiner Standortentscheidung, habe aber seine Absicht erklärt, sein Unternehmen nicht über den genehmigten Rahmen hinaus baulich erweitern zu wollen, so dass eine Umwidmung entbehrlich ist“, so Oberbürgermeister Geselle (SPD) in einer Presseerklärung. Die Umwidmungsabsichten hatten zu Bürgerprotesten geführt, weil ein Industriegebiet zu noch größeren Belastungen der Anwohner führen kann als ein Gewerbegebiet. Bei der umstrittenen Ausweisung des Langen Feldes als Gewerbegebiet hatten die Vertreter der Stadt immer wieder zugesagt, dort keine Industrie ansiedeln zu wollen.

Generationenwechsel bei den Kasseler Grünen

Boris Mijatovic (45) ist der neue Fraktionschef der Kasseler Grünen. Er löst Dieter Beig (66) ab, der die Fraktion gut fünf Jahre geführt hatte. Mit ihm scheidet auch Dorothee Köpp aus dem Fraktionsvorstand aus. Neu in den Vorstand gewählt wurde Awet Tesfaiesus. Von der Fraktion bestätigt wurden Eva Koch und Steffen Müller. Mijatovic ist auch Vorsitzender des grünen Kreisverbandes und Fan des 1. FC Köln.

1918 Zwischen Niederlage und Neubeginn – Eindrücke von einer Ausstellung in Kassel


Den Ausstellungsititel >1918< zeigt dieses großformatige Display plakativ in Schriftzeichen, dazu jedoch weitschweifig und irritierende Motive einer erst Jahre nach 1918 in Erscheinung tretenden Frauenmode. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Ein Bericht in Worten und Fotografien von Hartwig Bambey. In Kassel haben das Stadtmuseum und die Museumslandschaft Hessen Kassel die Ereignisse vor 100 Jahren zum Ende des 1. Weltkrieges, die Novemberrevolution in Deutschland und die sich in das Jahr 1919 erstreckenden revolutionären und konterrevoutionären Ereignisse, die mit vielen blutigen Gewalthandlungen und Niederschlagungen verbunden waren, zum Anlass eines gemeinsamen großen Ausstellungsprojektes genommen. Die Ausstellung wird im Hessischen Landesmuseum am Brüder-Grimm-Platz und im Stadtmuseum Kassel am Ständeplatz seit 10. November 1918 bis zum 28. April 2019 präsentiert. Es wurden dazu Ideen und Ressourcen in einem gemeinsamen Projekt mit zwei räumlich getrennten Ausstellungsorten vereint, mit dem Vorzug, dass interessierte BesucherInnen die räumliche Distanz zwischen den beiden Museen fußläufig ohne weiteres überwinden können. Für die Umsetzung haben sich die Ausstellungsmacher/innen vom Stadtmuseum und dem Landesmuseum einiger institutioneller Unterstützung versichert, dazu wurde das Archiv der deutschen Frauenbewegung einbezogen. Besucherin kann erwartungsfroh den Ausstellungsbesuch angehen, wobei insgesamt 6 verschiedene Räume in ebensovielen Etagen der beiden Museen aufzusuchen sind. Trotz vorhandener Fahrstühle gerät der Besuch der Doppel-Ausstellung damit zur einigermaßen Zeit, Stehvermögen und Einlassungsfähigkeit erfordernden lohnenden Unternehmung.

Philipp Scheidemann war sozialdemokratischer Oberbürgermeister von Kassel und auch in Berlin ein herausragender Akteur, indem er in der Hauptstadt des deutschen Reiches die Republik ausgerufen hat. Im Stadtmuseum wird die Rolle Scheidemanns in vielfältiger Weise in der Ausstellung thematisiert und dargestellt. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Dass Kassel als Industrie- und Arbeiterstadt, Standort von Rüstungsbetrieben und auch mit politischen Akteuren eine ganze Menge mit den politisch bewegenden Zeiten der Jahre 1918/1919 verbindet, ja dass Kassel durchaus ein wichtiger Ort inmitten der Umbrüche dieser Zeit vor 100 Jahren gewesen ist, wird in der Ausstellung anschaulich und unübersehbar.

Zunächst meuternde und dann revolutionäre Matrosen und Soldaten waren wichtige Subjekte in der (gescheiterten) Novemberrevolution des Jahres 1918. Der hier abgebildete Aufruf belegt entsprechende Geschehnisse und das Wirken politisch aufbegehrender Kräfte in Kassel. Das Stadtmuseum präsentiert dazu einige Original-Dokumente aus dieser Zeit. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Insofern leistet die recht umfangreiche Ausstellung eine wichtige und dringend gebotene Vergegenwärtigung dieser jüngeren, folgenreichen deutschen Vergangenheit. Insbesondere die konkrete Verortung von Ereignissen und Zusammenhängen in Kassel und näherer Umgebung wird mit vielen Exponaten, wie Fotografien, Flugschriften, Plakaten und auch Sachzeugnissen anschaulich und augenscheinlich gemacht. Ohne die allgemeinen Geschehnisse in Deutschland auszublenden, versuchen die MacherInnen der Ausstellung für BesucherIn die unübersichtlichen Ereignisse ein Stück näher zu bringen und sie einzuordnen.

Im hinteren Treppenhaus des Stadtmuseums finden sich im Treppenhaus als Aufgang zu den verschiedenen Ausstellungsräumen großformatige und eindrucksvolle Bildzeugnisse wichtiger Geschehnisse aus der Berichtszeit der Ausstellung – eine gelungene Inszenierung, bei der die Bewegung der Besucher von Raum zu Raum genutzt wird. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Im Stadtmuseum werden Sonderausstellungen im neuen Anbau, verteilt über mehrere Etagen, gezeigt. Das unterbricht für Besucher die Betrachtung. Das Treppenhaus findet sich mit wandgroßen Fotografien einbezogen. Neben politischen Ereignissen versucht der Ausstellungsteil im Stadtmuseum auch die miserablen Lebensumstände für die Menschen in Deutschland, seien es Millionen Kriegsversehrte, von denen viele Prothesen benötigten, hungernde Menschen oder elendig in Lagern gehaltene Kriegsgefangene, zu vergegenwärtigen.

Im obersten Ausstellungsraum des Stadtmuseums verweisen Sachzeugnisse – aus den erst Jahre später bevorstehenden Zwanziger Jahren der Weimarer Republik – auf neue Produkterfindungen wie Tempo-Taschentücher oder Haribo-Süßigkeiten u.a.m.. Ein etwas verspielter und weitschweifiger Ausflug der Kuratoren in die viel später folgende Zeit, endlich wieder und mit neuen Annehmlichkeiten des Konsums und des täglichen Lebens. Sternbald-Foto und Montage Hartwig Bambey

Als Abschluss des (ersten) Teils der Ausstellung im Stadtmuseum Kassel, wird Besucher in den Ausstellungsraum ganz nach oben geführt, wo Jede/r aufgerufen ist mittels Klebepunkten auf großformatigen Tafeln zu markieren, welche politschen Forderungen aus dieser Zeit ihr oder ihm am wichtigsten erscheinen.

Im Landesmuseum thematisiert die Ausstellung wichtige Personen, Hintergründe und Zusammenhänge des Jahres 1918. Uniformen, Bilder, Plakate, Fotografien und Lebensläufe am 1. Weltkrieg beteiligter Soldaten vermitteln dort viele Einblicke und Eindrücke. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Der andere, zweite Teil der Gemeinschaftsausstellung „1918 zwischen Niederlage und Neugbeginn“ im Landesmuseum findet sich im großen Saal unten und im Sonderausstellungsraum ganz oben inszeniert. Dort empfiehlt es sich zunächst per Fahrstuhl zum Teil oben zu fahren und dort zu beginnen. Wer zuvor die Ausstellungsteile im Stadtmuseum besucht hat, kann im Landesmuseum weitere Zusammenhänge erkennen und vertiefen.

Foto und Lebenslauf eines Weltkriegssoldaten in einer interaktiven Bildschirm-präsentation. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Bis hin zu den Lebensläufen und Schicksalen einzelner Soldaten im 1. Weltkrieg geht die Präsentation. Auf einem vom Betrachter selbst steuerbaren Bildschirm können mittels „Blättern“ Fotos und zugehörige Lebensläufe von Soldaten betrachtet und gelesen werden, ein wichtiges interaktives Element in der Ausstellung. Der 1. Weltkrieg als zerstörerisches und im Zusammenbruch einmündendes Ereignis findet sich im Sonderausstellungsraum des Landesmuseums recht ausführlich dargestellt.

Als vierter Teilbereich dieser Ausstellung finden sich im großen Saal des Landesmuseums, direkt aus dem Foyer über wenige Stufen zugänglich, Werke von Künsterlinnen und Künstler aus dieser Zeit präsentiert. Bekannt sind besonders die eindrucksvollen Zeichnungen von Käthe Kollwitz, deren Sohn Opfer des Krieges geworden war. Es finden sich einige Zeichnungen von Käthe Kollwitz, die als Folge ihrer persönlichen Betroffenheit und des allgemeinen Leids, das der Krieg in Deutschland und Europa über Millionen Menschen unausweichbar gebracht hat, zu einer engagierten Kämpferin für Frieden wurde. Damit wird der Niederschlag von Krieg und Kriegswirren in der bildenden Kunst Gegenstand und Thema der Ausstellung. Im großen Saal findet sich dies angedeutet und bruchstückhaft in Werken zeitgenössischer Künstler ausgestellt. Mancher Besucher wird sich hier möglicherweise mehr Werke wünschen, haben doch die Jahre vor und nach 1918 gerade im Kunstschaffen deutliche Spuren, Brüche und Veränderungen als breiter Niederschlag zur Folge gehabt.

Kohlezeichnung „Mütter“ von Käthe Kollwitz 1919

Insgesamt präsentiert die Doppel-Ausstellung als Gemeinschaftsprojekt von Stadtmuseum und Landesmuseum sehr vieles und wichtiges. Damit wird in Kassel Gelegenheit für Einzelbesucher, Gruppen und Schulklassen zur Beschäftigung vor Ort geboten. Dies ist wichtig und ohne Zweifel gelungen, verlangt den BesucherInnen zugleich einige Einlassung, Zeit und die Mobilität zwischen zwei Ausstellungsorten ab. Dass die Ausstellung „1918 zwischen Niederlage und Neubeginn“ nicht zuletzt auf der Basis vorhandener Sachzeugnisse und Dokumente aus den späteren Zwanziger Jahren auch bereits Einblicke in Zeiten und Geschehnisse der Weimarer Republik, bis hin zum Jahr 1928, eröffnet, ist sicherlich weitgehend. Einen Schaden stiftet dies nicht, wenngleich manche/r sich mehr Erläuterung und Einlassung auf die Kernzeit wünschen wird. Das bleibt als Einschätzung und dann persönliche Meinung jedem und jeder selbst überlassen. Denn erst als BesucherIn vor Ort erschließen sich die vielen Hintergründe und Ereignisse, die im Kassel der Jahre um 1918 wichtig, folgenreich und prägend für die Nachfolgezeiten stattgefunden haben.

Die Anfänge von Kassel als Rüstungungsstandort gehen auf den 1. Weltkrieg zurück. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Über die Ausstellung und die zahlreichen Begleitveranstaltungen, darunter Führungen, Vorträge und Filmvorführungen, informieren ein Übersichtsflyer und die Webseiten vom Stadtmuseum und Landesmuseum. Ab nach Kassel…
Originalveröffentlichung in das Marburger.deOnline-Magazin(Lizensiert durch Sternbald Intermedia)

Stadtmuseum Kassel: Full House zum 4o-jährigen Bestehen

Die Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren in Kassel die Zeit des Wiederaufbaus der im Bombenkrieg 1943 völlig zerstörten Stadt. Dies zu vermitteln ist ein wichtiges Thema und Anliegen in dem Kasseler Haus zur Stadtgeschichte am Ständeplatz. Dass das Leben wieder begann den Menschen Freude zu machen, demonstriert der Kleinwagen dieser Zeit inmitten der ständigen Ausstellung. Am vergangenen Wochenende brauchte es schon einen besonderen Moment frühmorgens oder kurz vor Feierabend, um einen solchermaßen freien Blick auf das knubbelige Gefährt zu erwischen. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

(yb) Einen besonderen Grund hatten Kasseler Bürgerinnen und Bürger am vergangenen Wochenende ihr Stadtmuseum zu besuchen. 1979 – 2019 sind dafür die nackten Zahlen. Mithin seit 40 Jahren gibt es jetzt das städtische Haus der Geschichte zur Darstellung der über 1100 Jahre reichenden Kasseler Stadtgeschichte.


Keinen Kaktus sondern einen Blumentopf mit echtem „Henschel-Gras“ überreichte Karl-Hermann Wegner seinen Nachfolgern in der Museumsleitung Kathrin Schellenberg und Dr. Kai Füldner und unterließ es nicht zu erklären, das solche Grünpflanzen in den Henschel-Werken äußerst verbreitet waren, womit dem grünen Geschenk zugleich eine – wie könnte es anders sein – museale Seite zukommt.Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Wer wollte, konnte sich selbst von der erfolgreichen Aufbauarbeit der letzten 40 Jahren zu überzeugen und sich dabei vom Gründer und langjährigen Direktor i.R. Karl-Hermann Wegner höchstpersönlich durch die Dauerausstellung führen lassen. Karl-Herman Wegners persönliche Führung am Sonntagnachmittag war sehr überlaufen. Wann bietet sich Mensch in Kassel schon einmal solche Gelegenheit von dem Erfinder, unermüdlichen Sammler, Gründer und langjährigen Leiter des Stadtmuseums und zugleich besten Kenner der Stadtgeschichte Kassels durch die Räume geführt zu werden.

Die eckigen und damit dem Gebäudegrundriss ähnlichen Geburtstagstorten zum 40jährigen des Kasseler Stadtmuseums wurden am Sonntagmorgen nach einem Grußwort von Kulturdezernentin Susanne Völker von zwei Direktoren angeschnitten und serviert. Auf dem Foto freut sich Dr. Kai Füldner, rechts, als Direktor der Städtischen Museen schon darauf die Gäste höchstselbst persönlich einmal als Kellner zu bedienen. Währenddessen konnte sich Karl-Hermann Wegner als Museumsdirektor im Ruhestand, mitte, neben Kulturdezernentin Völker, ganz auf die gekonnte Handhabung des Tortenmessers konzentrieren. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Die umfangreiche und vielfältige Sammlung, die im Lauf der Zeit wesentlich durch Sach- und Geldspenden von Kasseler BürgerInnenn zusammen gekommen ist, konnte in den drei Etagen der Ständigen Ausstellung besichtigt, bestaunt und durchlaufen werden. Nach einer Auftaktveranstaltung am Freitag hieß es dazu Türen auf am Samstag und Sonntag – bei freiem Eintritt. So nimmt es nicht Wunder, dass über das Wochenende eine vierstellige Zahl von Kasselern durch die Räume strömte. Mitunter soll es hier und da ein wenig eng gewesen sein, wurde mitgeteilt. Wer frische Luft schnappen wollte oder musste, konnte dabei gleichzeitg oben im 4. OG auf dem Stadtbalkon im turmähnlichen Erweiterungsbau des Stadtmuseums den weiten Blick über die Innenstadt genießen.


Zum Museum gehört spielerisches ‚Begreifen‘, angeboten von den Freunden des Stadtmuseums im Untergeschoss. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Vom sonntagvormittäglichen Kuchen war schnell nichts mehr zu bekommen, dafür gab es im Untergeschoss unterhaltsame Angebote für jüngere Museumsgäste. Am Sonntagnachmittag hat es sich dann auch Hans Eichel, ehemals Oberbürgermeister von Kassel, danach Hessischer Ministerpräsident und schließlich Bundesfinanzminister, nicht nehmen lassen eine Führung zu übernehmen.
Originalveröffentlichung in das Marburger. Online-Magazin (Lizensiert durch Sternbald Intermedia)