Allein das Fahrrad kann den Verkehrskollaps in Kassel abwenden

Nach einer Studie der Firma Inrix verbringt in Stoßzeiten der Kasseler Autofahrer durchschnittlich 22 Stunden im Jahr im Stau. 9% seiner „Fahrzeit“ fährt er nicht, sondern er steht – im Stau. Tendenz: steigend. Dies ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Verkehrspolitik, die einseitig auf das Auto setzt – nicht nur in Kassel. Führt man diese Verkehrspolitik fort, dann wird dies unweigerlich im Verkehrskollaps enden. Dabei ist das urbane Verkehrsmittel der Zukunft, das dies verhindern kann, bereits erfunden: das Fahrrad. Ausweislich des Kasseler Verkehrsentwicklungsplanes aus dem Jahr 2015 beträgt der Anteil des Fahrrades am Gesamtverkehr in Kassel lediglich 7%. Bis 2030 soll dieser Anteil auf 11%-14% steigen. Kein sehr ehrgeiziges Ziel. Zum Vergleich: In Kopenhagen und Amsterdam beträgt der Anteil der Radler am Verkehr bereits jetzt 29% beziehungsweise 32% . In Berlin sind es immerhin 15%. Der Grund für diesen geringen Anteil des Radverkehrs in Kassel wird im Verkehrsentwicklungsplan klar benannt: Es gibt einen großen Nachholbedarf in Sachen Radverkehrsinfrastruktur. Mal sehen, ob es in Kassel zu einer Wende in der Verkehrspolitik kommt. Der Ausgang des von Kasseler Bürgern initiierten Radentscheides wird einen Hinweis darauf geben.

 

Kasseler Grüne unterstützen Forderungen des Radentscheides

Die seit Jahrzehnten in Kassel regierenden Grünen unterstützen die Initiative zur Herbeiführung eines Bürgerentscheides, dessen Erfolg zu einer massiven Änderung der Verkehrspolitik zu Gunsten des Fahrrades und zu Lasten des Autos führen würde. „Wir Grüne unterstützen die Forderungen des am Wochenende gestarteten Radentscheids, weil mit der gezielten Förderung der Radwege die Lebensqualität für alle Menschen in Kassel weiter verbessert wird“, so Eva Koch, verkehrspolitische Sprecherin der grünen Fraktion. „In Zeiten zunehmender Diskussionen über Luftqualität, Lärm, Klimawandel, aber auch Gesundheitsvorsorge, führt aus unserer Sicht kein Weg an einer Erhöhung des Radverkehrsanteils vorbei. Da mehr als die Hälfte der mit dem Auto zurückgelegten Wege in Kassel kürzer sind als fünf Kilometer, stehen die Chancen gut, mehr Menschen für den Umstieg aufs Rad begeistern zu können.“ Durch den Umbau von Straßen und Kreuzungen will die Initiative den Radverkehr zu Lasten des Autoverkehrs stärken. 

 

Auch in Kassel Radentscheid

Nach Frankfurt und Darmstadt gibt es jetzt auch in Kassel eine Initiative für einen Radentscheid. Die Initiatoren wollen über ein Bürgerbegehren einen Bürgerentscheid über einen starken Ausbau der Radinfrastruktur in Kassel herbeiführen. Dies sei erforderlich, um Kassel lebens- und liebenswerter zu machen. Dabei müsse die Trennung der Verkehrsarten eine wichtige Rolle spielen, um mehr Sicherheit im Straßenverkehr für alle Bürger zu schaffen. Die Kasseler Bürger sollen über acht Forderungen abstimmen, für die die Initiatoren Kosten in Höhe von 6 Millionen Euro veranschlagen, die durch eine Erhöhung der Gewerbesteuer finanziert werden sollen.
1. Planung nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik
Unsere Forderung: Alle Planungen und baulichen Maßnahmen in Verantwortlichkeit der Stadt Kassel haben sich für den Radverkehr an die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) und für den Fußverkehr an die Empfehlungen für Fußgängerverkehrsanlagen (EFA) in der jeweils gültigen Fassung zu halten. Als Mindestmaße sind die in den Regelwerken genannten Regelbreiten zzgl. der jeweiligen Sicherheitstrennstreifen zu verwenden. Die Flächenbedürfnisse des Fuß- und Radverkehrs sind bei der Abwägung von möglichen zulässigen baulichen Varianten verstärkt zu berücksichtigen.
2. Kontinuierliche Führung des Radverkehrs
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel ist im Rahmen ihrer Baulast dafür verantwortlich, dem Radverkehr möglichst durchgängige Radrouten mit kontinuierlichen Führungsformen anzubieten. Sofern der Radverkehr auf Gehwegniveau geführt wird, muss dieser baulich vom Fußverkehr getrennt werden, z.B. durch einen Versatz in der Höhe oder taktil erfassbare Elemente. Konflikte zwischen Fuß- und Radverkehr sind zu vermeiden. Bestehende Infrastrukturen, die diesem Grundsatz nicht entsprechen, werden schrittweise angepasst. Im Besonderen:
Gemeinsamer Geh- und Radweg (Z 240 StVO)
Gehweg, Radfahrer frei (Z 239 StVO + ZZ 1022-10)
nicht benutzungspflichtige Radwege auf Gehwegen.
Davon können Wege ausgenommen werden, die nicht an Straßen entlang führen.
3. Sichere und komfortable Radverkehrsanlagen an Hauptverkehrsstraßen
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel schafft entlang von Hauptverkehrsstraßen in ihrer Baulast pro Jahr mindestens 3 km neue Radverkehrsanlagen in beiden Fahrtrichtungen. Dabei werden zwei Knotenpunkte möglichst lückenlos miteinander verbunden. Die Radverkehrsanlagen sind mit kontinuierlicher Führungsform, vorzugsweise auf Fahrbahnniveau und nicht zu Lasten der Flächen von Fußgänger*innen oder des ÖPNV, anzulegen. Sie müssen in der Regel durch ein bauliches Element von der Fahrbahn so abgetrennt werden, dass missbräuchliches Befahren, Halten und Parken von Kfz ausgeschlossen ist. Die Radverkehrsanlagen sind mit einem ebenen und dauerhaft gut befahrbaren Belag zu versehen, der sich durchgängig in einheitlicher Farbe von angrenzenden Flächen visuell absetzt.
4. Nebenstraßen als komfortable durchgängige Routen
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel gestaltet jährlich mindestens 5 km Nebenstraßen so um, dass diese für den Radverkehr attraktiver werden. Die Straßen sollen schnell und komfortabel befahrbar sein, möglichst zu durchgängigen Radrouten verbunden werden und öffentliche Einrichtungen, Geschäftsbereiche und Wohnquartiere miteinander verbinden. Die Straßen sollen folgende Anforderungen erfüllen:
• Sie müssen einheitlich und gut erkennbar gestaltet sein.
• Der Kfz-Durchgangsverkehr muss baulich (z.B. mittels Fahrbahnverengungen) eingeschränkt werden
5. Attraktive und sichere Nebenstraßen im Umkreis von Schulen und Kindergärten
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel setzt im Umkreis von 500 m um Schulen und Kindergärten jährlich mindestens 8 Maßnahmen im Nebenstraßennetz um, damit dieses für alle Nutzer*innen, insbesondere für Kinder, sicherer begehbar und mit dem Rad befahrbar wird. Maßnahmen sind u.a.:
• Baulich angelegte Querungsanlagen für den Fuß- und Radverkehr
• Bauliche Verkehrsberuhigungen
• Gehwegaufpflasterungen
6. Sichere und komfortable Kreuzungen für Fuß- und Radverkehr
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel gestaltet pro Jahr mindestens 3 durch Lichtsignalanlagen (LSA, „Ampeln“) geregelte Kreuzungen in ihrer Baulast so um, dass diese für den Fuß- und Radverkehr sicherer werden. Dabei sollen Fuß- und Radverkehr stets im frontalen Sichtbereich des Kraftverkehrs geführt werden. Dazu gehört mindestens die Anlage von vorgezogenen Seitenräumen für den Fußverkehr sowie von aufgeweiteten Radaufstellstreifen (ARAS) für den Radverkehr. Fußgängerampeln schalten auch ohne Tastendruck auf grün. Die Knotenpunkte sind mit eigenen LSA für den Radverkehr auszustatten und mit einem Zeitvorsprung gegenüber dem Kraftverkehr für die Freigabezeiten des Radverkehrs zu schalten. Zur komfortablen Grünzeitanforderung sollen vermehrt Induktionsschleifen eingebaut werden.
7. Mehr Abstellanlagen für Fahrräder
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel errichtet mindestens 1.000 zusätzliche Abstellplätze für Fahrräder pro Jahr. Die Abstellplätze sollen entsprechend der aktuellen Vorgaben der „Hinweise zum Fahrradparken“ der FGSV (Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen) in der gültigen Fassung ausgeführt sein. Die Abstellplätze sind am Bedarf auszurichten (z.B. Geschäftsstraßen, ÖPNV-Haltestellen, Wohnquartiere) und dürfen nicht zu Lasten des Fußverkehrs angelegt werden. Je nach räumlicher Möglichkeit und Nutzer*innengruppen sollen Abstellplätze überdacht und mit Ladestationen sowie Druckluftstationen ausgestattet werden.
8. Kampagnen zur besseren Akzeptanz des Radverkehrs
Unsere Forderung: Die Stadt Kassel soll jährlich professionelle Kampagnen durchführen, um die Stadtbevölkerung für das Thema Radverkehr zu sensibilisieren und dessen Akzeptanz zu stärken. Themen sollen u.a. sein:
• Gegenseitige Rücksichtnahme im Verkehr
• Rechte und Pflichten von Radfahrer*innen und Autofahrer*innen
• Regelungen für Kinder und Begleitpersonen
• Vorteile des Radfahrens
Die erste Kampagne startet innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Bürgerbegehrens.